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Added: 2008-Apr-2 , 10:58
Von Sch?nheit, Wandel und Wahnsinn Zweiteiler an Ostern

Von Sch?nheit, Wandel und Wahnsinn Zweiteiler an Ostern

Stand: 09.02.2008

Regisseur Lorenz Knauer

Lorenz Knauer, mehrfach ausgezeichneter Filmemacher, unter anderen f?r "Die Isar", einer beeindruckenden Entdeckungsreise auf hohem technischem und k?nstlerischem Niveau, hat sein neuestes Werk ?ber die Alpen fertig gestellt. Die zweiteilige Dokumentation  wird an Ostern, 23. und 24. M?rz 2008 jeweils um 19 Uhr in Unter unserem Himmel zu sehen sein. Zur Entstehung des Zweiteilers "Zwischen Sch?nheit uns Zerst?rung" hier der Bericht von Lorenz Knauer.

Eine unscheinbare kleine Kapelle am Stra?enrand - im Vorbeifahren f?llt sie mir auf, kurz vor einer Br?cke ?ber die ?tztaler Ache:

Unter einem gro?en Holzkreuz finde ich eine Gedenktafel mit dreizehn Namen darauf, Opfer einer t?dlichen Flutwelle, die im August 1987 vom Vernagtferner herunter durchs ?tztal gerauscht war... Pl?tzlich wei? ich, dass ich nach Wochen langer Suche angekommen bin, dass ich das "richtige" Tal gefunden habe, um "meinen" Film ?ber die Alpen zu machen.  

Etwa f?nfzehn Jahre waren vergangen, seitdem die Redaktion "Unter unserem Himmel" sich dem Thema "Alpen" zum letzten Mal ausf?hrlich gewidmet hatte, sieben Filme waren damals entstanden, ein umfassendes Portr?t dieses gewaltigen Gebiets, das sich im Herzen Europas von Marseille bis Llubljana zieht.

Im Fr?hjahr 2005 schien unserem Redakteur, dem Johannes Pechtold, die Zeit gekommen, das Thema erneut anzupacken, und er lud mich dazu ein, mir Gedanken dar?ber zu machen... ausgerechnet mich, der ich doch weder als erfahrener Bergfilmer noch als Alpenexperte bekannt bin. 

Eine Quadratur des Kreises erschien mir zun?chst leichter, als diese Aufgabe zu bew?ltigen... denn: Dieses Mal sollten es nicht sieben Filme sein, sondern nur deren zwei!  In vielen Gespr?chen wurde allm?hlich klar, dass wir uns f?r eine einzige Region entscheiden mussten, an deren Beispiel sich stellvertretend f?r den gesamten Alpenraum ein m?glichst authentisches Bild zeichnen lassen k?nnte vom Leben der Menschen,  von ihrem Umgang mit den Ph?nomenen Klimawandel und dem Wahnsinn des ungebremsten Massentourismus, von Lawinengefahr und Verkehrslawinen, aber auch von ihrer Liebe zur Heimat, von Tradition, alten Br?uchen, von der Kraft der Familien, und - nicht zuletzt - von der unglaublichen Sch?nheit dieser Landschaft, die  mich im Lauf der n?chsten anderthalb Jahre immer wieder aufs Neue faszinieren sollte...

Ich beschloss, als Einstieg in die Suche nach der geeigneten Region, den erfahrenen Bergfilmer Gerhard Baur auf seinem wundersch?nen Hof im Allg?u zu besuchen; Und der Gerhard gab mir einen Gedanken mit auf den Weg, welcher mich fortan nicht mehr loslassen sollte:

"Vergiss nicht, dass in den Alpen topographisch wie auch klimatisch vielerorts mindestens so extreme Bedingungen  herrschen wie z.B. in der W?ste Sahara! Und in diesen extremen Verh?ltnissen leben nicht nur Millionen von Menschen, sondern es kommen auch noch Millionen von Touristen dazu, mit ihren endlosen Anforderungen an Komfort, Transportwege, Logistik, Energie usw. Eigentlich ein Wahnsinn! Und ein Wunder, dass nicht viel mehr an Ungl?cken passiert!"

Als ich sp?ter an der eingangs beschriebenen  Gedenktafel f?r die Opfer der Flutwelle stand und Kolonnen von Urlauberautos an mir vorbeirauschten, da fragte ich mich, wie viele von den Leuten, die Jahr f?r Jahr hierher str?men und ihren aus der Stadt gewohnten Komfort erwarten, sich wohl Gedanken dar?ber machen, dass die Einheimischen hier jederzeit damit rechnen m?ssen, katastrophale Wetterereignisse, Muren, Steinschl?ge, Lawinen, Waldbr?nde, Fluten sowie Unf?lle aller Art zu erleben.

Und… warum lassen sie sich davon nicht entmutigen oder gar vertreiben? Was ist es, das sie hier bleiben l?sst,  sie an ihre Heimat bindet?  Dass die grandiose Sch?nheit der ?tztaler Alpen bei der Antwort auf diese Fragen sicher eine Rolle spielt, wurde mir in Gespr?chen immer wieder best?tigt: Mit etlichen ?ber 3500 m hohen Gipfeln stehen sie auch visuell symbolisch f?r das "Hochalpine Herz" der Alpen… und nicht umsonst z?hlt allein das ?tztal ?ber drei Millionen ?bernachtungen pro Jahr.

Aus meiner Sicht bietet kaum eine andere Region in den Alpen auf so ?berschaubarem Raum derart gro?e Gegens?tze: Von beinahe unber?hrten Gletscherlandschaften bis zu total ?bernutzten, vermarkteten und verbauten Gletschern, auf denen man mittlerweile in ?ber 3000 m H?he Batterien von Schneekanonen aufstellt ... Von idyllischen Bergb?chen bis zu riesigen, heftig umstrittenen Pumpspeicher-Staubecken zur Stromerzeugung… Hier arbeiten Gletscherforscher der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, seit langem schon den Konsequenzen des Klimawandels auf der Spur, ebenso wie Arch?ologen der Uni Innsbruck, die sich in Folge des ?tzifundes auf die Suche nach weiteren Zeichen fr?her menschlicher T?tigkeit gemacht hatten und diese mittlerweile 10000 Jahre zur?ck verfolgen k?nnen…

Ich begegnete Menschen, zutiefst gepr?gt von den ?ltesten Traditionen, die ?berhaupt in den Alpen lebendig sind: Wenn die Schnalstaler Sch?fer ihre Herden einmal im Juni und dann wieder im September ?ber den Similaungletscher treiben… Und ich fragte Landwirte, warum sie noch heute Wert darauf legen, die unwegsamen Hochalmen in der traditionellen Weise mit der Handsichel zu m?hen, es dann m?hsam auf dem Kopf zu Tale tragen... (Am n?chsten Morgen kehren sie dann zu ihrer "normalen" Arbeit zur?ck, z.B. als Pistenraupenfahrer auf dem Rettenbachgletscher…)

Und auch dem Tourismus begegnet man hier in den kontrastreichsten Varianten: Vom S?ldener "Apr?s-Ski" im Ballermann-Stil bis zur zauberhaften Stille des kleinen Bergsteigerdorfs Vent.

Schon lange vor dem Beginn der Recherchen hatte ich mich  auf die Suche nach dem bestm?glichen Team f?r unser Projekt gemacht.
 
Was den Schnitt betrifft, war die Entscheidung von vorn herein klar - da kam nur meine aus vielen gemeinsamen Filmen bew?hrte Cutterin Birgit Thieme in Frage, mit ihrem wunderbaren Gef?hl f?r Rhythmus, ihrem sicheren Gesp?r f?r das Wesentliche und - in langen Wochen im Schneideraum extrem wichtig: ihrem handfesten Sinn f?r Humor!

Die Wahl des Komponisten war so einfach wie die der Cutterin: Das musste der Wolfgang Netzer sein - immer wieder hat er mich im Lauf der Jahre mit seiner F?higkeit ?berrascht, Landschaften und Stimmungen musikalisch eindringlich und anr?hrend um zu setzen.  

Auch die technische Nachbearbeitung und farbliche Feinabstimmung der Filme wusste ich von Anfang an in guten H?nden bei Michael S?nger und J?rgen Pertack, mit denen ich schon bei unserem Zweiteiler "Die Isar" beste Erfahrungen gesammelt hatte.
 
Aber: Die Wahl des idealen Kameramanns war eine echte Herausforderung. Weil ich doch keine Ahnung von den Erfordernissen im hochalpinen Bereich hatte, musste er ein alter Hase sein, die Wetter- und Schneesituation sicher einsch?tzen k?nnen, perfekt Skifahren, ohne Probleme auch ?berlange Arbeitstage unter extremen Bedingungen bis in 3500 m H?he bew?ltigen...  

Kameramann Stephan N?bauer

"Da gibt es nur einen, der f?r Dich in Frage kommt, das ist der Stephan N?bauer aus Garmisch!" sagte der Kameramann Gerhard Lechner zu mir, auch ein alter Weggef?hrte, inzwischen im Ruhestand… "Der ist sozusagen auf der Zugspitze gro? geworden! Der dreht genauso sicher auf einem 20 Zentimeter breiten Grat in schwindelnder H?he wie aus der Hand auf Skiern ...und, was einmalig ist: Er besitzt eine eigene Steadicam, mit der arbeitet er auch unter Gel?nde-Bedingungen, wo jeder andere abwinken oder nur m?de l?cheln w?rde!"

Einen Besseren h?tte ich in der Tat nicht finden k?nnen -  nicht nur, dass der Stephan sommers wie winters auch unter schwierigsten Bedingungen verl?sslich starke Bilder einfing… Er war auch nie aus der Ruhe zu bringen und bewies obendrein immer wieder einen gesunden Sinn f?r Situationskomik!  (Und den brauchten wir auch dringend, wie sich bald herausstellen sollte…)

Aufnahmeleiterin Tanja Wienberg

Stephan brachte seinen bew?hrten Assistenten "Much" Michael Kirchbichler und den Tonmeister Tim H?fer mit, und ich holte aus Hamburg (!) die Produktions- und Aufnahmeleiterin Tanja Wienberg dazu; Ihre nicht vorhandene Alpinerfahrung glich sie ebenfalls mit Humor und Professionalit?t aus, zus?tzlich immer im Kampf mit den T?cken des Bayerischen bzw. des ?tztaler Dialekts. Selten so viel gelacht bei Dreharbeiten… Nicht zuletzt, weil Tonmeister H?fer einen nie versiegenden Strom von akustischem Nonsens wie alten Heinrich-L?bke-oder-Edmund-Stoiber-Reden sowie sonstigen haarstr?ubenden Radio-Versprechern mit sich f?hrte.

Apropos Sprecher: Auch da hatten wir gro?es Gl?ck, dass Elmar Wepper zwischen zwei Drehterminen die Zeit fand, dem Kommentar die notwendige Mischung aus Ernst und feiner Ironie zu verpassen. 

Tonaufnahmen

Von Anfang an war klar, dass wir einen Film im Sommer und einen im Winter drehen wollten. Im Zuge meiner Recherchen hatte ich immer wieder die Leute aus dem ?tztal gefragt, welche Zeit denn aus ihrer Erfahrung f?r den Sommerfilm die beste sein k?nnte, mit relativ stabilem Wetter… Beinahe unisono kam die Antwort: "Der August! Gar keine Frage, da ist es vielleicht mal zwei, drei Tage schlecht, aber dann wird es sofort wieder sch?n!" Ich legte also den Drehbeginn auf den 1.8. fest, wir wollten auf der Kleble-Alm oberhalb von S?lden Bilder von der Heumahd einfangen…

Doch dazu sollte es Wochen lang nicht kommen, denn es folgte der schlechteste August seit siebzig Jahren, kalt, st?rmisch, Neuschnee in H?lle und F?lle…

"Ganz klar, der Klimawandel" sagten einige… Andere l?chelten nur m?de und fragten, wer uns denn den Schmarrn vom angeblich stabilen Wetter im August verzapft habe??? Um es kurz zu machen, die letzten Einstellungen unseres "Sommerfilms" entstanden Anfang Oktober!

Dass und wie der Klimawandel im ?tztal Wirkung zeigt, konnten wir jedenfalls immer wieder auf beeindruckende Weise erleben, ob am Vernagtferner durch die Augen der bayerischen Gletscherforscher oder in der S?ldener Skiarena, wo uns Pistenraupenfahrer Markus Klotz das geradezu be?ngstigende Tempo der Gletscherschmelze an etlichen Stellen vorf?hrt:  Oberhalb von 3000 Meter taut inzwischen der Permafrost, das bringt St?tzmauern von Bergstationen und Liftanlagen zum Br?ckeln oder gar zum Einsturz - eine dramatische Entwicklung, der man in aller Eile versucht, mit Unmengen von Beton Herr zu werden, die meist nur mit dem Helikopter hinaufbef?rdert werden k?nnen. ?ber das gef?hrliche Leben der Heli-Piloten k?nnte man ?brigens einen eigenen Film drehen, ohne sie ist der Alltag in den Alpen gar nicht mehr denkbar.

Und Heico Zimmer, dem exzellenten Heli-Piloten aus M?nchen verdanke ich - wie schon so oft - die Grundlage zu den atemberaubenden Luftaufnahmen von Kamera-Operator Peter Karl; Es ist eine ganz eigene Kunst, die unter dem Heli befestigte, ferngesteuerte Kamera im perfekten Zusammenspiel zu f?hren, der Pilot muss eigentlich f?hlen und fliegen wie ein Kameramann, muss zumindest dessen Gedanken und Bewegungen immer schon vorausahnen…faszinierend, mit den beiden zu arbeiten! Und zugleich jedes Mal bis zur letzten Sekunde ein Alptraum, weil man nie wirklich wei?, wie die Wetterbedingungen sein werden…  
 
W?hrend unserer Dreharbeiten musste zum ersten Mal ?berhaupt der Sommerskibetrieb eingestellt werden, weil es schlicht zu hei? war. Die traditionelle Er?ffnung der Wintersaison mit dem ersten Weltcup-Rennen fiel buchst?blich ins Wasser weil es Ende Oktober bis auf 3200 Meter H?he regnete. Und die Wetter-Anomalien nahmen kein Ende: Im Winter fiel so wenig Schnee wie seit sechzig Jahren nicht mehr, wochenlang schien die Sonne fast ununterbrochen, diesmal f?r uns allerdings ein gro?es Gl?ck! Anderthalb Jahre lang haben mich die Alpen in ihren Bann gezogen, ich konnte mich auf ganz neue Art in sie verlieben. Was mir aber vor allem in Erinnerung bleiben wird, das sind die Begegnungen mit den Menschen des ?tztals - durchweg freundlich, offen und…stolz.

Wie sehr sie ihre Heimat lieben, das wurde mir mit einem Schlag bewusst bei einem Gespr?ch mit Johann Regensburger aus Umhausen. Er betreibt dort mit seiner Familie eine hochmoderne Wollwaschanlage, sein Vater hatte um 1920 schon eines der ersten kleinen Wasserkraftwerke des ?tztals gebaut, Johann ist sozusagen am Wasser und mit dem Wasser aufgewachsen. In jener furchtbaren Nacht im August 1987 verlor er seine beiden ?ltesten Kinder in der ?tztaler Ache. Es verschl?gt mir fast den Atem, als er zu mir sagt: "Letztendlich kann ich dem Wasser gar nicht b?se sein, obwohl es mir doch meine Kinder geraubt hat, denn es schenkt doch zugleich Leben! Ohne das Wasser k?nnten wir hier im ?tztal alle gar nicht existieren!"

Lorenz Knauer im Januar 2008

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